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Aktuelles

Sprachheilzentrum Calw
Fröhliches Fest mit vielen Gästen

Zum 40-jähirgen Bestehen veranstaltete das Sprachheilzentrum einen bunten Jubiläumsnachmittag mit vielseitigem Programm. Der Chor der Sprachheilschule sorgte für die musikalische Umrahmung.

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Zeitungsbeitrag vom zum Download als Pdf

Lesen Sie hier den Festvortrag von Prof. em. Dr. Bernd Seibel

Das Sprachheilzentrum Calw als Bildungs-und Resilienzort

Als sich die Mitarbeiter/innen der Gründungsphase ( September 1978) Anfang des Schuljahres mit Direktor Ralf Straub im Sprachheilzentrum trafen, entwickelte sich ein reger Austausch über die Anfangszeit und ihre Herausforderungen. Wenn auch seitdem viele Veränderungen eingetreten sind, gab und gibt es doch immer wiederkehrende Themen der bildungspolitischen Diskussion, von der auch die organisatorische und konzeptionelle Ausrichtung des Sprachheilzentrums tangiert war und ist.
Lag der Fokus am Anfang auf dem Aufbau einer Heimsonderschule für sprach und- zugleich lernbehinderte Kinder und der damit verbundenen Beratungsstelle, präsentiert sich das Sprachheilzentrum heute mit einer Palette unterschiedlichster Angebote bis hin zu Inklusionsklassen an umliegenden Schulen. Damit wird einer Entwicklung Rechnung getragen, Kindern mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Beratung und Unterstützung bzw. einem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot dies an unterschiedlichen Lernorten zu ermöglichen.

Inklusion

Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gehört zu den umstrittenen Themen der aktuellen deutschen Bildungsdebatte.
Dass sonderpädagogische Bildungsangebote in allgemeinen Schulen oder an einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum angeboten werden, ist einer Entwicklung geschuldet, die mit einem grundlegenden Paradigmenwechsel zusammenhängt.
Für Kinder und Jugendliche gelten grundlegende Bedürfnisse, unabhängig von ihrer ethnischen, kulturellen und sozialen Zugehörigkeit und selbstverständlich auch für Kinder mit Behinderungen. Aus diesen leiten sich grundlegende Rechte ab, die in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen festgehalten sind. Seit 2010 gilt diese in Deutschland ohne Einschränkungen. So enthält das „Gebäude der Kinderrechte" u.a. auch einen Artikel zur Förderung von Kindern mit Behinderung.
Ergänzend ist noch anzuführen, dass seit 2009 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland geltendes nationales Recht ist. Diese Konvention geht ebenfalls von den universellen Menschenrechten aus und nimmt alle Lebensbereiche von Menschen mit Behinderung ins Blickfeld. Zusammen mit der UN-Kinderrechtskonvention stärkt sie die Teilhabe von Kindern mit Behinderungen.
Sie tritt ein für das Recht aller Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen miteinander und voneinander zu lernen. Kein Kind soll ausgesondert werden, weil es den Anforderungen nicht entsprechen kann.Nicht die Menschen mit Behinderung sollen integriert werden, sondern die Einrichtungen sollen inklusiv sein: d.h. auch Menschen mit Behinderung offen stehen.
Schon in der Anfangszeit sah sich das Sprachheilzentrum als Sondereinrichtung mit Integrationsforderungen konfrontiert, z.B. von der damaligen Initiative „Eltern gegen Aussonderung".
Die infolge der beiden Konventionen diskutierte Abschaffung der Sonderschule in Baden-Württemberg erfolgte nicht - diese heißen nun Sonderpädagogische Beratungs- und Bildungszentren-, aber der Verzicht auf die Sonderschulpflicht. Seit 2015 haben Eltern somit Wahlmöglichkeiten. Wie zeigt sich das nun in der Praxis? Im Schuljahr 2016/2017 besuchte nur jedes siebte Kind mit Behinderung eine allgemeinbildende Schule
Bei kritischer Betrachtung ist zu konstatieren: die Umsetzung des Inklusionsgedankens steckt noch in den Kinderschuhen. So gibt es massive Kritik am Stand der Inklusion in Baden-Württemberg, v.a. hinsichtlich der Ressourcen. Derzeit fehlen etwa 400 neue Stellen für Sonderpädagogen. Gefordert werden zwei Lehrer in einer Grundschulklasse. In Ergänzung zum Grundschullehrer jeweils ein Sonderschullehrer, der permanent im Unterricht präsent ist. Diese Doppelbesetzung war als Zielvorstellung im grün-roten Koalitionsvertrag von 2011 festgehalten. Die aktuelle grün-schwarze Landesregierung ist davon abgerückt, obwohl klar ist, dass das Zweipädagogen-Prinzip eine Mindestbedingung ist. Es fehlen aber Lehrer an Grundschulen und es gibt zu wenig Bewerbungen für die offenen Sonderpädagogenstellen. Darunter leiden die Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen, für die es auch zu wenig einschlägige Fortbildung gibt, die von Kolleginnen/gen kaum wahrgenommen werden, weil dadurch das Kollegium noch mehr belasten wird. Der Grundschulverband sieht deshalb sogar Rückschritte bei der Inklusion. Eine Vertreterin: „Ich würde Eltern nicht ermutigen, ihr behindertes Kind in eine Regelschule zu schicken."
Dieser langfristige Reformprozess benötigt Zeit, um eine tragfähige und von der Gesellschaft gestützte Umsetzung sicherzustellen. Die Grundschule hat hier eine Schlüsselposition. Sie ist gefordert, individuell ausgerichtete Lernangebote, spezifische Bildungs-, Beratungs- oder Unterstützungsangebote zu generieren, ob zeitlich befristet oder langfristig erforderlich. Letztendlich geht es darum, die sonderpädagogischen Bildungs-, Beratungs- oder Unterstützungsangebote in multiprofessionellen Teams eng mit dem allgemeinen Bildungsangebot zu verknüpfen.
Das Sprachheilzentrum Calw hat ein breites Angebot von unterschiedlichen integrativen bzw. inklusiven Maßnahmen, versteht sich prinzipiell als Durchgangseinrichtung und ist eine wichtige Kooperations- und Koordinationsstelle für inklusive Bemühungen.
Wie zu den Anfangszeiten werden auch heute als Gegenreaktion der undifferenzierten Integrations- bzw. Inklusionsforderungen Begriffe in die Diskussion geworfen, wie jene des notwendigen Schonraumes, der Lebenshilfe, der seelischen Gesundheit und anderer sonderpädagogischer Vorteile.
So habe ich 1982 in einem Vortrag als Replik auf Forderungen der damaligen Initiative „Eltern gegen Aussonderung" festgestellt:
Wir wollen und müssen unseren Kindern jenen Schonraum anbieten und für sie jenes Schonklima schaffen, das sie für ihre Entwicklung bitter nötig brauchen. Bevor nämlich eine gezielte Förderung begonnen werden kann, muss das Kind erst einmal zur Ruhe kommen. Die Idee eines Schonraumes ist eine alte pädagogische Erkenntnis. Der Schonraum bietet die äußere Voraussetzung dafür, sich unbehelligt von anderen Einflüssen in etwas zu vertiefen und sich auf etwas konzentriert vorbereiten zu können. Wer darin dem äußeren Schein erliegend nur Isolation erkennt, beurteilt die Situation zu einseitig. Es gibt nun einmal Kinder, die einer besonderen Zuwendung und Geborgenheit bedürfen. Wir erleben immer wieder, dass sich unsere Kinder erst dann unbehindert entfalten können, wenn sie in der Schule jenes Klima vorfinden, das ihnen zuträglich ist.
Das Konzept einer Inklusionspädagogik, das über Integrationsbestrebungen hinausgeht und fordert, dass alle Einrichtungen offen sind für wirklich alle Kinder mit und ohne Behinderung und dass dann jedes Kind die individuelle Unterstützung bekommt, die es benötigt, ist sicherlich erstrebenswert.
Wenn auch der aufgezeigte Paradigmenwechsel mit der Fokussierung des Inklusionsgedankens durch bildungspolitische Forderungen forciert wird, sollte uns dies nicht abhalten, solche neuere Bestrebungen daraufhin zu prüfen, wieweit sie allgemeine und sonderpädagogische Grundsätze zu erfüllen vermögen.
Eine kleine Bemerkung am Rande: inzwischen gibt es auch sonderpädagogische Einrichtungen, die die „umgekehrte Inklusion" erfolgreich erproben. So öffnen sich etwa ein Schulkindergarten oder eine Grundschule mit sonderpädagogischen Schwerpunkten für Kinder mit besonderen Bedürfnissen und für Kinder ohne besonderen Förderbedarf.
Um die Teilhabe aller zu steigern, braucht der nicht endende Veränderungsprozess von inklusiver Schullandschaft innovative und neue Unterrichtskonzeptionen: eben auch die umgekehrte Inklusion. Warum sollte der Sprachheilkindergarten bzw. die Sprachheilschule des Sprachheilzentrums nicht eine inklusive Beschulung von Kindern mit und ohne sprachlicher Beeinträchtigung anbieten?
Unter Bereitstellung einer optimierten Lernumgebung und eines sonderpädagogischen Bildungsangebotes im Bereich Sprechen lernen könnten Kinder mit sprachlicher Beeinträchtigung individuell gefördert und am Lernstand des einzelnen Schülers angesetzt werden. Warum soll das nicht auch für Kinder ohne sprachliche Beeinträchtigung gelten? Mit der Öffnung wird am Lernstand der Kinder, auch derjenigen ohne sprachliche Beeinträchtigung angesetzt. Bildung bekommt so neue Qualitäten und fördert damit wichtige Kompetenzen.
Eine besondere Chance bietet sich durch den Freiraum, der im Privatschulgesetz verankert ist und die Schulen in freier Trägerschaft ermutigt, das öffentliche Schulwesen durch besondere Inhalte und Formen der Erziehung und des Unterrichts zu bereichern. Der damalige Kultusminister Roman Herzog sah die Tätigkeit dieser Schulen als eine öffentliche Aufgabe und wollte im neuen Privatschulgesetz nur das unumgänglich Notwendige festgehalten wissen: „ ....sonst wäre das , was in der Tat ihnen gegenüber dem öffentlichen Schulwesen erwartet werden könne, nämlich andere Gedanken zu entwickeln, Stachel und Anreiz zu sein, sehr rasch zerstört."
Ganztagsangebote und das erweiterte Bildungsverständnis
Dieser Aufgabe und Herausforderung stellte sich das Sprachheilzentrum von Anfang an und entwickelte bis zum heutigen Tag v.a. im Kontext seiner ganztägigen Bildungsangebote richtungsweisende konzeptionelle Umsetzungen, von der die sich entwickelnde und ausbreitende Ganztagsschullandschaft profitieren kann, sei es in der offenen als auch der gebundenen Form.
Bildung ist mehr als Schule, Bildungsprozesse laufen diesseits und jenseits der Schule und des Unterrichts ab, Bildung ist kein Privileg der Schule. Sie entfaltet sich jenseits geplanter und pädagogisch gestalteter Prozesse. Sie umfasst auch die gelungene Bewältigung des Alltags und ist eine Ressource der Lebensbewältigung. Das „erweiterte Bildungsverständnis" ist als umfassender, ganzheitlicher Prozess der persönlichen Entwicklung zu verstehen.
Gelingende Lebensführung und soziale Eingliederung bauen ebenso auf Bildungsprozessen in Familien, in der Ganztagsbetreuung, im Internat auf. Kinder sollen in die Lage versetzt werden, ihren eigenen Lebensweg zu gehen und ihre Lebensführung kompetent zu regeln. Dies geschieht im Sprachheilzentrum in der Schule, in der pädagogischen Einheit Schule und Internat, in der Kooperation mit den Kindergärten und Schulen außerhalb und vor allem in der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Schul-, sonder- und sozialpädagogische Ansätze als handlungsleitende Aspekte eines erweiterten Bildungsverstänsnisses sind konstitutiv für das Sprachheilzentrum.
Dieses findet sich auch in der aktuellen Konzeption der Dienstgemeinschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn es heisst:
„in der jede/r Einzelne an der Betreuung und Förderung der Kinder beteiligt ist, die einen unmittelbar durch ihre pädagogische Arbeit, die anderen mittelbar, indem sie durch ihre Tätigkeiten in den Bereichen der Verwaltung, der Technik und der Hauswirtschaft die Voraussetzungen für die Kinder schaffen"
„It takes a village to raise a child" !
Das Zusammenwirken von formalen, nonformalen und informellen Bildungsorten zeigt sich darin, dass bewusste und unbewusste Formen des Lernens in unterschiedlichen Kontexten gefördert werden. Der Blick in die verschiedenen Abteilungen sowie auf die besonderen Angebote wie Zirkus, Schulchor, Sport, Schwimmen, Theaterspiel, Cafe Milchschaum, Tiergestützte Förderung, Schulgarten und Arbeitsgemeinschaften, um nur einige zu nennen, kann diese Zusammenhänge eindrucksvoll belegen.
Das Sprachheilzentrum ist ein Ort vielfältiger Aktivitäten und Unternehmungen und ermöglicht den Erwerb von sozialen und kommunikativen Kompetenzen für die Lebensbewältigung.
Dazu gehören aber auch die Rituale im Alltag, die Feste und Feiern im Jahresablauf, die im Sprachheilzentrum fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit sind.
Vertraute Abläufe oder Handlungen schaffen einen Überblick, geben Sicherheit und Halt, stellen Vertrauen in sich und andere her. Feste Formen und Bräuche entlasten dadurch, dass sie das tägliche Leben vorhersehbar machen und erleichtern. Durch sie werden Verlässlichkeit und Beständigkeit erfahrbar.
Das Sprachheilzentrum ist sich dessen bewusst, was die pädagogisch verantwortbare Gestaltung eines gebundenen, rhythmisierten Ganztags ausmacht. Wenn für das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg der Ausbau der bestehenden Ganztagsangebote einen hohen Stellenwert besitzt, weil ganztägige Bildungsangebote ein vielseitiges Lernen, regelmäßige Begleitung und Förderung sowie umfassende Betreuung ermöglichen, so bedarf es dazu eines qualitativ überzeugenden Angebotes. Die Schulen des Sprachheilzentrums sind unbestritten ein „best practice" Modell für eine gebundene Ganztagsschule, weil sie diese komplexe und anspruchsvolle Schulentwicklungsaufgabe seit vielen Jahren in hervorragender Weise bewältigen
Die ganztägige Bildung und sonderpädagogische Förderung in Sprachheilkindergarten und - schule, in der Sprach- und Lernförderschule mit Internat, basieren auf einer rhythmisierten Tages-, Wochen- und Unterrichtsgestaltung. Innere Rhythmisierung bezieht sich dabei auf den inviduellen Lern- und Leistungsrhythmus und die darauf abgestimmte Unterrichts- und Therapiegestaltung und Unterrichtstaktung. Äußere Rhythmisierung ist die Taktung des Tagesablaufes mit kindgerechtem Wechsel von Unterricht, Therapie und anderen Bildungsangeboten im Sinne des erweiterten Bildungsbegriffs an den beschriebenen Lernorten. Vorstrukturierte und freie Lernzeiten sind aufeinander abgestimmt, um den Schülerinnen und Schülern Handlungsspielräume für die individuelle Gestaltung ihrer Lernprozesse, für selbstbestimmte Phasen des Spiels und soziale Interaktion zu bieten.
Hinzu kommt, dass das Sprachheilzentrum über hervorragende Voraussetzungen bei Gebäuden und Gelände verfügt, um den Erfordernissen ganztägiger Bildung Rechnung zu tragen. Dazu gehört auch der von den Kindern mit ausgewählte Speiseplan, der sich „ in gleichem Maße an den Bedürfnissen einer ausgewogenen Ernährung und an den Wünschen der Kinder" orientiert.
Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, dass viele zusätzliche Maßnahmen und Angebote durch die großzügige Stiftung von Helli Bruning-Teuffert und den dann ins Leben gerufenen gleichnamigen Förderkreis vor fast vierzig Jahren bis zum heutigen Tag ermöglicht werden können.
(Sonder-)Pädagogische Bildung und Resilienz
Sprachstörungen betreffen immer die Gesamtpersönlichkeit der sprachgestörten Person. Störungen der Sprachfunktion stehen in enger Wechselwirkung mit anderen psychischen Funktionen wie Wahrnehmung, Denken, Motorik und Sozialverhalten. Untersuchungen zu speziellen Verhaltensweisen und Persönlichkeitszügen von Kinder mit einer Sprachbehinderung zeigen, dass sie in den verbal kognitiven Voraussetzungen, in der Lern- und Leistungsmotivation, in der emotionalen Stabilität, in der Soziabilität und Kommunikationsfähigkeit Kindern ohne Sprachbehinderung gegenüber auffällig benachteiligt sind.
Kinder mit einer Sprachbehinderung können somit in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sein. Bestimmte altersspezifische Entwicklungsaufgaben gelingen nicht oder nur unzureichend. Eine erfolgreiche Bewältigung der Entwicklungsbeeinträchtigung fördert somit die Persönlichkeitsentwicklung, die Integration in die Gesellschaft und somit auch die seelische Gesundheit. Ein Misslingen hingegen führt zu Verunsicherungen im Selbstkonzept, zu körperlich-seelischen Beschwerden oder zu problematischem Risikoverhalten.
Sich mit seelischer Gesundheit zu befassen, heißt für den (Sonder-) Pädagogen sich mit dem Gelingen von Entwicklung und den Bedingungen für körperliches und seelisches Wohlbefinden auseinanderzusetzen.
Von besonderer Bedeutung sind dabei die Widerstandsressourcen oder auch Schutzfaktoren einer Person. Widerstandsressourcen, die im Kind angesiedelt sind, umfassen Intelligenz, Bildung, Ich-Stärke als emotionale Sicherheit, als Selbstvertrauen und ein positives Selbstgefühl in Bezug auf die eigene Person. Im sozialen Nahraum des Kindes sind dies soziale Beziehungen zu anderen Menschen, das Gefühl sich zugehörig und „verortet" zu fühlen, Vertrauen und Anerkennung durch für einen selbst bedeutsamen Anderen zu erfahren, durch die Beteiligung sich als selbstwirksam erleben zu können. Dazu gehört auch die Möglichkeit, sich Unterstützung und Hilfe von anderen Menschen zu holen und sich auf diese zu verlassen.
Fehlen diese Widerstandsressourcen, wird von Widerstandsdefiziten gesprochen, die die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Beeinträchtigungen erhöhen. Sie allein sind jedoch nicht ausschlaggebend für die Bewältigung von Problemen. Ein Teil der Probleme liegt in der nicht ausreichenden Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Es geht also auch um das Erkennen von Ressourcen und um die Fähigkeit, die richtigen zu aktivieren und für sich nutzbringend einzusetzen.
Wir wissen, dass Risiko- und Schutzfaktoren wesentlich Einfluss auf den Verlauf von (gesunden) Entwicklungsprozessen nehmen. Zu den Aufgaben des (Sonder-)Pädagogen gehört es deshalb, mögliche Risiko- und Schutzfaktoren im sozialen Nahraum und Ansatzpunkte für vorbeugende und pädagogische Maßnahmen zu erkennen. Das gilt auch für die Ebene des Kindes. Zu den Risikofaktoren gehören u.a. Behinderung, unterdurchschnittliche Intelligenz, körperliche und sprachliche Entwicklungsdefizite, mangelnde Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit, mangelnde Impulskontrolle, eingeschränktes Problemlöseverhalten. Entsprechende Schutzfaktoren sind u.a. kommunikative Fähigkeiten, spezielle Talente/Fähigkeiten, geistige Fähigkeiten, emotionale Stabilität, positives Selbstkonzept und Selbstwertgefühl, positives Sozialverhalten, Übernahme von Verantwortung.
Die Schutzfaktoren, die im Kind liegen, werden als Resilienz (Widerstandsfähigkeit) bezeichnet. Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit einer Person, relativ unbeschadet mit den Folgen belastender Lebensumstände umzugehen und Bewältigungskompetenzen zu entwickeln. Resilienz fördernde Faktoren zeigen einen hohen Übereinstimmungsgrad mit Schutzfaktoren auf. Somit stellt sich die- neben der Förderung der Sprache- die Aufgabe, Resilienz bei Kindern zu entwickeln und unterstützen.
Das Sprachheilzentrum wird somit auch zum Resilienzzentrum, das neben der primären ganzheitlichen Sprachförderung auch für hilfreiche Lebens- und Bildungsvoraussetzungen sorgt: Sprechen lernen - Leben lernen:
• Bezugspersonen, die Vertrauen und Autonomie fördern
• ein offenes und wertschätzendes Erziehungsklima
• Zusammenhalt und Stabilität
• klare und verlässliche Regeln und Strukturen
• positive Kontakte mit Gleichaltrigen und Freundschaftsbeziehungen
• Erwachsene als positive Rollenmodelle
Die Hattie-Studie zum Lernerfolg und nachhaltigem Pädagogenverhalten zeigt darüber hinaus aus der Sicht des Lehrers, dass selbstsicheres, zuversichtliches Auftreten, strukturierte, vorhersehbare Rahmenbedingungen ( Regeln, Rituale), die Beteiligung der Schüler und Empathiefähigkeit wirksame Einflussfaktoren sind.
Schüler wünschen sich Pädagogen, die sicher auftreten, Geborgenheit, Vertrauen, Lernfähigkeit vermitteln. Sie möchten wissen, was sie erwartet, wenn sie ihre Klassenzimmer oder Internatsräume betreten. Darüber hinaus sollen sie geduldig, humorvoll, lustig sein und zuhören können.
Das Sprachheilzentrum als Resilienzzentrum ist an den Ergebnissen der Resilienzforschung interessiert, die danach fragt, welche Eigenschaften jene Kinder und Jugendliche haben, die sich trotz Risikokonstellationen, positiv und psychisch gesund entwickeln. Das Sprachheilzentrum richtet deshalb seinen Blick vorrangig auf die Kompetenzen und Ressourcen eines Kindes und nicht in erster Linie auf seine Defizite und Schwächen. Das ermöglicht Vorsorge statt Nachsorge, indem die Resilienz- oder Schutzfaktoren gestärkt werden.
„Circle of Courage" als Resilienz-Code
Der „circle of courage" ( Kreis der Ermutigung) ist ein auf Indianerweisheiten beruhendes psychologische-pädagogisches Handlungsmodell, das von den Wissenschaften hinreichend bestätigt wurde und das für die Arbeit des Sprachheilzentrums als Resilienzort von besonderer Bedeutung ist.
Es handelt sich dabei um einen ein ganzheitlichen Ansatz, der die zentralen Grund- und Wachstumsbedürfnisse zusammenführt, die nach der Philosophie der nordamerikansichen Indianer erfüllt sein müssen, damit sich Kinder und Jugendliche seelisch gesund entwickeln können.
Lange vor den modernen Wissenschaften haben die Ureinwohner Nordamerkas ausgewiesene Strategien der kindlichen Entwicklung benutzt, um soziale, respektvolle und mutige Kinder zu erziehen. In der Lakota-Kultur wurden Kinder als „heilige Wesen" angesehen. Ähnliche Konzepte und Menschenbilder von Kindern finden wir bei Stammeskulturen weltweit. So bedeutet zum Beispiel der Begriff für Kinder in der Sprache der neuseeländischen Maori „Gabe der Götter". Die Nähe zu christlichen Menschenbildern ist offensichtlich. Ihnen allen gemeinsam ist eine wertschätzende Haltung Kindern und Jugendlichen gegenüber, denen mit Respekt und Würde zu begegnen ist.
Die Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen - mit oder ohne Behinderung- sind immer gleich geblieben. Es ist davon auszugehen, dass es universelle menschliche Bedürfnisse gibt, wie z.B. Selbstbestimmung, Kompetenz und Zugehörigkeit. Wenn diese Bedürfnisse nicht befriedigt werden, können Kinder und Jugendliche nicht ihr volles Potenzial entfalten
Der „circle of courage" ist keine spezifische Methode, vielmehr kommt durch das Modell eine Haltung zum Ausdruck, die eine positive Sichtweise auf das Kind und den Jugendlichen beinhaltet, Kompetenzen und Ressourcen betont. Er führt die an der positiven Entwicklung von Kindern und Jugendlichen orientierten Stärken und Ressourcen zu einem eindrücklichen Handlungs- und Haltungsmodell zusammen. Er ist eine wichtige Ergänzung der sonderpädagogischen Maßnahmen, ja für diese konstitutiv, an sämtlichen Lernorten.
Eine Bildung, Erziehung und Betreuung, die Kindern mit und ohne Behinderung ermöglicht, eigene Kompetenzen zu entwickeln und zu entdecken, Zugehörigkeit und Wertschätzung zu erfahren, die Entwicklung von Selbstbestimmung und prosozialem Verhalten fördert, stärkt diejenigen Ressourcen in Kindern und Jugendlichen, die von der Resilienzforschung als Schutzfaktoren ermittelt wurden. Der „ circle of courage" wird deshalb auch als „Resilienz-Code" beschrieben, ist für Kinder und Erwachsene, Professionelle und Laien gleichermaßen verständlich und wird somit zum Ausgangspunkt gemeinsamer Bemühungen in der Zusammenarbeit aller Beteiligten.


Belonging: Kinder und Jugendliche sind auf Zugehörigkeit und Bindung angewiesen:
Ich bin eine Person, die von anderen wertgeschätzt und geliebt wird
Mastery: Kinder und Jugendliche streben nach Kompetenz und Leistung:
Ich kann Aufgaben lösen und Erfolg haben
Independence: Kinder und Jugendliche wollen(Selbst-) Kontrolle, Unabhängigkeit, Einfluss und Selbstständigkeit
Ich kann entscheiden und Verantwortung übernehmen
Großzügigkeit: Kinder und Jugendliche wollen einfühlsam und großzügig sein
Ich bin rücksichtsvoll mir und anderen gegenüber

Eine am „circle of courage" orientierte (Sonder-)Pädagogik, ein „circle of courage" Sprachheilzentrum wird Möglichkeiten im Leben der Kinder und Jugendlichen ermitteln, sichere und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und Lerngelegenheiten bereitstellen, in denen sie eigene Fähigkeiten entdecken und entwickeln können. Durch die Übernahme von entwicklungsangemessener Verantwortung wird ihnen ermöglicht, sich selbst als effektiv Handelnde und hilfreich für andere zu erleben.
Die Stärkung der Zugehörigkeit, die Sicherheit und Geborgenheit in der Gruppe, und das Angebot fester und verlässlicher Bezugspersonen, die tägliche Beteiligung der Kinder an Entscheidungsprozessen im Sinne der Selbstbestimmung, die Ermöglichung von Könnens - und Kompetenzerfahrungen sowie die Förderung der sozialen und empathischen Kompetenzen sind auch entscheidende Faktoren der Resilienzförderung.
40 Jahre Sprachheilzentrum - eine lange Erfolgsgeschichte. Keine Selbstverständlichkeit, aber das Ergebnis einer zielorientierten, kontinuierlichen und zuverlässigen Arbeit. Auch deshalb, weil es sich nicht nur als Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, sondern vielleicht auch immer schon als Resilienzort verstanden hat.
Mein guten Wünsche begleiten es auf diesem erfolgreichen Weg, sich den neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen, an Bewährtem festzuhalten und gleichzeitig für Neues offen zu sein.

Prof. em. Dr. Bernd Seibel
1978 bis 1984 (Gründungs-)Direktor des Sprachheilzentrums Calw, danach bis zur Emeritierung 2013 Hochschullehrer für Pädagogik, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Sport und Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg i.Br.

geschrieben am 22.12.2018 um 10:31 Uhr.

40 Jahre Sprachheilzentrum Calw - Aktuelles (Druckansicht)

 
 
 

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